Eine schwere Verletzung kann einen Leistungssportler für Monate aus der Bahn werfen, und manchmal sogar dem Leben eine neue Richtung geben. So wie bei dem Hildesheimer Wasserballer Fynn Schütze, der mit 27 Jahren nicht mehr in die Nationalmannschaft zurückkehren wird, weil er sich auf sein Medizinstudium konzentrieren möchte. Und beides nebeneinander funktioniert nicht. Dabei hatte es der Hellas-99er anders geplant, als er sich vor knapp einem Jahr beim Weltcup in Belgrad einen Muskelabriss in der Schulter zuzog. Ein schmerzhaftes und einschneidendes Erlebnis, die Saison war gelaufen, der Sport für Monate abgehakt. Nach der gelungenen Operation und Reha wollte sich der wurfstarke Linkshänder eigentlich wieder in die Spitze kämpfen, über die White Sharks Hannover in die Wasserball-Bundesliga zurückkehren und dann nochmal als Profi in Italien anheuern. Angebote hatte er, doch daraus wird nichts. Denn der junge Mann trat im Oktober ein Studium an der privaten Hamburger Medical School an. „Ich hatte dort einen Platz und durch die Schulter auch die Zeit, um es zumindest zu versuchen.“ Sein Respekt war groß, ob er den Ansprüchen genügt, immerhin hatte er sieben Jahre nicht mehr die Schulbank gedrückt. Nun liegt das erste Semester hinter ihm, er ist angekommen und hat alle Scheine in der Tasche: Physik, Psychologie, Biologie, Chemie, Anatomie und Histologie. „Alles bestanden“, freut sich der fast zwei Meter große Athlet. Das Büffeln war zwar intensiver als die vier Stunden täglich Training bei seinem Profiklub CN Sabadell in Spanien, wo er zwei Jahre aktiv war, aber es machte ihm mehr Spaß. „Das ist eine Investition nicht nur für den Augenblick, sondern eine für meine Zukunft“, sagt Fynn Schütze, der eines Tages mal als Sportmediziner zu den Olympischen Spielen möchte. Auch ein Leben als Notarzt oder Kinderarzt könnte er sich gut vorstellen. „Ich hatte bisher aber keinerlei klinischen Einblicke.“ Sicher ist nur, er verabschiedet sich vom Spitzensport und zählt zu den erfolgreichsten Hildesheimern. Als Wasserball-Profi bei Waspo 98 Hannover wurde er dreimal Deutscher Meister, dreimal gewann er den Deutschen Pokal und den Supercup. In Spanien folgten zwei Vizemeisterschaften und eine Bronzemedaille im Euro-Cup, nach allgemeinen Maßstäben seine wohl bedeutendste Auszeichnung.
Für ihn persönlich war es ein besonderer Moment, als nach einer knappen Niederlage gegen Champions-League-Sieger Olympiacos Piräus mit Filip Filipovic der damals beste Wasserballer der Welt zu ihm kam, um ihn zu dessen Heimatklub Partizan Belgrad zu locken. Doch er wählte Sabadell, und jetzt ist es auch zu spät. Fynn Schütze sagt Adieu, genießt ein wenig den Abstand und die Chance, den Tagesablauf selbst bestimmen zu können. „Aber sobald ich ins Wasser springe, fühle ich mich sauwohl.“
Und während ein Hellene aus dem internationalen Wasserball-Zirkus aussteigt, steigt ein anderer gerade ein. Der 14-jährige Jovan Dobric ist im Jahrgang 2012 derzeit der wohl beste Wasserballer in Deutschland. Er hat jetzt die erste Einladung zu einem Turnier mit der Nationalmannschaft erhalten. Am kommenden Wochenende erlebt er in Serbien in Becej seine ersten Einsätze für den Deutschen Schwimmverband (DSV). Malaga und Bulgarien heißen dort die Gegner, dazu kommen Auswahlteams aus dem Mittelmeerraum, dem Baltikum und der kasachischen Hauptstadt Astana. Bei einem Ländervergleich in Hannover hatte der schnelle Allrounder den Nationaltrainer davon überzeugt, dass er auch bei den ein Jahr älteren Jungs international mithalten kann. Es folgten die Aufnahme in den DSV-Kader und die Nominierung.
Fynn Schütze muss grübeln, um sich an seine Anfänge vor 13 oder 14 Jahren zu erinnern. Auch er hatte seine Karriere in der U15-Jugend des DSV gestartet. „Mein erstes offizielles Länderspiel war gegen Frankreich“, fällt es ihm ein. Wie oft er genau die Kappe mit den deutschen Farben getragen hat, weiß er nicht. „Es sind auf jeden Fall mehr als 100 Länderspiele.“ Und dass er diese Marke in seiner Laufbahn als Wasserballer überschritten hat, ist für ihn die „größte Ehre“.

